Barcelonnette 2012

Das Segelfluglager in Barcelonnette hatte dieses Jahr sein 25-jähriges Jubiläum. Seit 1987, mit einigen Unterbrüchen Anfang der 90er Jahre, hat sich Barcelonnette bei uns als attraktives Lager in Südfrankreich etabliert.
Barcelonnette 2012 war ein Segelfluglager der Superlative. Das Lager dauerte erstmals 3 Wochen, wovon alle Tage gut fliegbar waren. Darunter waren sehr viele sogenannte Hammertage, die sich für weite Streckenflüge und/oder hohe Wellenflüge eigneten. Insgesamt haben wir 233 Std in 50 Flügen absolviert, wovon 32 Flüge mit 12‘172 km im OLC erfasst. Leider war das Lager dieses Jahr mit nur 4 Piloten: Markus Berner, Raymond Marley, Alexander Kutil und Marcel Signer schlechter besucht als in früheren Jahren. Ich hoffe dieser Bericht motiviert weitere Piloten, nächstes Jahr Fliegerferien in Barcelonnette zu verbringen!
In der ersten Woche erlebten wir ganz ungewohntes Wetter; grundsätzlich Mistral im Rhonetal aber gegen Italien zu Ostwind. Dieser Ostwind hatte eine Stärke, der den Talwind mehr als kompensierte, so dass wir an 2 Tagen talaufwärts starten und landen mussten. Der trockene Wind bescherte eine ausgezeichnete Sicht. Die Lee-Thermik war gut, doch die starken ungewohnten Winde machten das Fliegen anspruchsvoll. Das gute Wetter beschränkte sich auf Südfrankreich. Bei den Flügen Richtung Norden mussten wir meistens am Maurienne oder vor dem Einflug ins Aostatal wenden.

Die 2. Woche startete mit wechselhaftem Wetter. Fronten im Norden streiften den Süden und führten in den Bergen zu etwas mehr Cumulus Bewölkung, was weiterhin schöne Flüge im Süden ermöglichte. Gegen Westen in tieferen Lagen herrschten sehr gute Bedingungen und der Parcour war schlicht fantastisch.

Ab Mitte der 2. Woche begann die Basis zu steigen und pendelte sich im Hochgebirge bei komfortablen 4200m ein. Auch die Wetterprognosen für den Norden waren jetzt besser und versprachen Flüge bis zur Schweizergrenze.
Am 26. Juli um die Mittagszeit starteten Markus Berner und ich auf LS-8 mit Ziel Matterhorn.
Schon unmittelbar nach dem Start stellten wir fest, dass die Vorhersagen gut zutrafen. Die Thermik war zuverlässig und fulminant, so dass wir nach 2 Stunden bereits in das Aostatal einfliegen konnten. Die südlichen Seitentäler zeigten schöne Wolkenstrassen genauso wie das Valpelline. Um 14:50, deutlich schneller als erwartet, erreichten wir das Matterhorn und entschlossen Richtung Furka weiterzufliegen.

Via Gornergrat ging es auf majestätischer Höhe an der Mischabelgruppe vorbei, über den Simplon und der Ostseite des Goms entlang gegen Norden. Um 15:40 sahen wir uns zum ersten Mal an der Furka, wo wir dann gemeinsam zum Rückflug ansetzten.

Es ging weitgehend die gleiche Route zurück. Wir konnten immer hoch und gut auf Kurs bleiben. Im Maurienne wählten wir die Nordwestseite, welche aber nicht besonders überzeugt und so querten wir das Tal zum Col d’Etache, den wir gerade noch schafften. Die Wetterverhältnisse auf der Südseite hatten sich in der Zwischenzeit etwas geändert, der Himmel war milchig und die Kumuluswolken waren weg. Die grosse Anzahl der Segelflugzeuge unterwegs sorgte dafür, dass wir die Aufwinde, die inzwischen nicht mehr so stark waren, gut fanden. Um 18:40 erreichten wir Barcelonnette und entschieden, noch etwas gegen Süden bis zum Cheval Blanc zu verlängern. Kurz nach 19:30 setzten wir in Barcelonnette glücklich und zufrieden zur Landung an!

Das Segelflugwetter blieb gut. Praktisch jeden Tag gab es entweder einen grosse Streckenflug oder einen Wellenflug.

Für den Dienstag 31. Juli wurde nochmals Hammerwetter prognostiziert. Markus Berner nutzte die gute Gelegenheit und beendet seine Ferien einmal mehr mit einem Rückflug ins Birrfeld auf der LS-8. Alexander Kutil und ich wendeten am Matterhorn und dehnten die Flüge anschliessend bis südlich von Castellane aus.

Auch die letzten Tage blieben segelfliegerisch gut und liessen Streckenflüge zwischen 350 und 500km zu. Der Wind drehte sich auf Süd bis Südost. Dies führte direkt über oder neben dem Flugplatz zu einem Aufeinandertreffen des Talwindes von Westen mit dem Südwind vom Col d’Allos (Confluence). Es bildete sich dort eine sehr gute Aufwindzone, was uns ganz kurze Schlepps ermöglichte, fast einzigartig für einen Alpensegelflugplatz.

Die Nichtflieger erklommen jeweils die Berge zu Fuss und bewunderten die schöne Aussicht und die einzigartige Alpenflora, unter anderem im nahe gelegenen Parc National de Mercantour.

Nach der Wanderung ist ein kühles Bad in Jausier oder im Lac de Lauzet wunderbar. Wer’s ganz kalt mag versucht die wildromatischen Bäche l‘Ubaye oder Bachelard.
Der Flugplatzchef Vivian führt jeden Tag um 10:00 ein professionelles Briefing in Französisch und Englisch durch. Ein wichtiger Teil widmet er stets Sicherheitsvorschriften und Sicherheitsempfehlungen, die er mit guten Powerpoint-Folien, angereichert mit vielen Fotos und Beispielen präsentiert. Jeden Tag zeigt er Fotos von einem anderen Aussenlandefeld und erklärt, wie man es am besten anfliegt, abhängig von der Wettersituation. Auch vom Flussbeet der Ubaye westlich des Platzes haben wir uns aktuelle Fotos angeschaut. Es handelt sich um den besten Notlandeplatz bei Seilriss nach dem Start.
Der Flugbetrieb ist sehr ruhig. Selten stehen mehr als 10 Flugzeuge beim Start. Die Starts verteilen sich über eine längere Zeit, da Frühstarter mit langen Schlepps und allenfalls einem Absaufer rechnen müssen. Meistens reicht ein Schleppflugzeug aus. Wenn erforderlich kommt einer der festangestellten Fluglehrer oder der Flugplatzchef mit der zweiten Robin. Es findet auch Segelflugschulbetrieb statt. Das stört jedoch keineswegs, da die Schulungsflüge typischerweise eine Stunde dauern, und die Anzahl Starts gering ist.
Jeder Pilot der erstmals in Barcelonnette fliegt erhält eine gute und umfassende Einweisung von einem lokalen Segelfluglehrer.
Direkt auf dem Flugplatz gibt es die Möglichkeit im Wohnwagen zu campieren. Es steht auch eine Anzahl fest installierter Wohnwagen zum Mieten zur Verfügung. Markus und ich mieten Wohnwagen, seit Zelte auf dem Campingplatz verboten sind. Remo entschied sich auch für einen Wohnwagen und Alex für eine nahegelegene Pension. Die sanitären Einrichtungen auf dem Platz sind sauber. Es sind 2 öffentliche Küchen vorhanden, die genügend Raum bieten um darin zu essen, wenn es windig, kühl oder nass ist.
Abhängig vom Wetter und den geplanten Vorhaben am Tag entscheiden wir uns für ein gemütliches gemeinsames Abendessen auf dem Campingplatz oder in einem der Restaurants im schönen kleinen Städtchen Barcelonnette.

Die lokale Segelfluggruppe (Centre de Vol à Voile de l’Ubaye) ist äusserst gastfreundlich und organisiert in der Ferienzeit beinahe wöchentlich eine Grillparty auf dem Flugplatz oder ein gemeinsames Essen im Restaurant. Dieses Jahr trafen wir uns alle im rustikalen Restaurant „Halte 2000“, das genau auf 2000m Höhe an der Strasse zum Col de la Bonette liegt. Es wird nur ein Menu serviert, welches reichhaltig und exzellent gekocht war. Gekocht wird alles auf dem Feuer, da es keinen elektrischen Strom gibt. Das Essen bei Kerzenschein und Petrollampe bewirkte eine besondere friedliche Stimmung.

Wir werden das Segelfluglager Barcelonnette 2012 noch lange in guter Erinnerung behalten. Dabei sind es nicht nur die wunderschönen Segelflüge, sondern auch die gastfreundliche und stressfreie Ferienatmosphäre die dazu beitragen, dass wir immer wieder gerne nach Barcelonnette fahren.

Marcel Signer