Valbrembo 2009

Ostern in Val Brembo?

Ein Erlebnisbericht von Philipp Haueter

Das Fluglager Val Brembo wird seit Jahren jeweils im Frühling vor Ostern vom Segelflugverband ausgeschrieben Schon lange neugierig auf diese Seite der Alpen und der sich damit bietenden Möglichkeit, das Veltlin kennen zu lernen, wächst der Entschluss, es doch einmal zu versuchen. Eine erste virtuelle Erkundung auf GoogleEarth und im OLC bestätigt, dass es bestimmt sehr interessant wird, aber zeigt auch, dass im Alpenvorland die Aussenlandungsmöglichkeiten beschränkt sind. Aber wozu auch Aussenlanden?

Die Anfahrt erfolgt über Chiasso- ob man dabei, so wie ich, die Direttissima und ihre tausend Kurven bevorzugt oder die Umfahrung über Milano ist g'hupft wie g‘sprunge- es ist weit. Man erreicht Val Brembo in ca. 10 gefühlten Stunden, effektiv sind es ca. 7 Stunden ab Birrfeld. Umso grösser die Überraschung ein paar Tage später, wenn innerhalb einer halben Stunde Ambri, Lugano und Como unter dem Flieger vorbeizieht. Hier ist alles ganz nah, jedoch für den Strassenverkehr durch unüberwindliche Bergketten getrennt.

Das wäre aber bereits alles, was es zu bemängeln gibt: Der Platz belohnt uns mit sehr guter Infrastruktur: Restaurant, Swimmingpool, Tennisplatz und bestens organisiertem Schleppbetrieb. Wir campieren in parkähnlicher Umgebung gleich nebenan.

Gute Restaurants und Hotels in der Umgebung, die Stadt Bergamo nur 10 km entfernt, bieten auch fürs Fussvolk einiges. Ein grosser Zoo liegt direkt neben dem Platz- Die Besichtigung im Downwind ist inklusive. (Die Giraffen sind als obst. eingetragen) Der Klub AVA Val Brembo beschäftigt einen eigenen Fluglehrer, der die Einführungsflüge in sehr freundlicher und kompetenter Weise durchführt- Ausserdem wäre da noch ein grosser am Platz ansässiger Flugzeugunterhaltsbetrieb, falls mal eine Schraube fehlt.

Die Clubmitglieder haben uns sehr freundlich empfangen. Ein obligatorischer Einführungsflug mit einem Stein- Astir, und dank dem ungefederten Fahrwerk ist nun klar, wo die Löcher in der Piste sind und wie der Anflug geht: Beim Elefanten in den Downwind, bei der Giraffe auf 5 Zählen, dann die Base, noch mal 90° links und dann am blauen Landegriff ziehen: Ganz einfach..

Im Klubhaus des lokalen AvA Aeroclub Alpino erinnert eine imposante Pokalsammlung an vergangene Erfolge. Einen der heute noch in Val Brembo fliegenden ganz grossen Meister des Italienischen Segelfluges, Riccardo Brigliadori, haben wir angetroffen. Er ist von hier aus am 14. April 2001 zu seinem 1'000er über Brunate - Lienz - Masera –Male - Alzate gestartet. Viele kennen ihn auch als Autor von „Competing in Gliders, Winning With Your Mind –(Leo & Ricky Brigliadori)

Die Flugzeuge werden an der südlichen Pistenschwelle aufgebaut- das heisst 10 m schieben reichen nach der Bereitstellung. Abends werden sie normalerweise wieder neben der Pistenschwelle verrzurrt. Für den Start wird ein Bon, der für 700 m Schlepp berechtigt, gelöst und in die Startliste geklebt. Auch ein Schlepp ins hohe Gelände ist möglich, kostet allerdings zwei Bons. Ist diese Höhe im Schlepp erreicht, hört der Schlepper zu steigen auf, um dann, wenn das Gefühl aufkommt, das geklinkt wurde, „profimässig“ über den Flügel abzukippen (wir sind ja in Italien) –also besser 2mal klinken, wie wir es gelernt haben.

Das Fluggebiet selber bietet Hochalpine Fliegerei vom feinsten- wenn man sich denn traut und die Geographie im Griff hat. Viele der langen und flachen Täler laufen nicht direkt ins Haupttal sondern machen noch diverse Biegungen. Also nichts für Tiefflieger, jedenfalls nicht als Einstieg. Für mich als Neuling in diesem Gebiet war die Bergkette vor dem Veltlin, „Der Riegel“, die psychologische Schwelle, die es zu überwinden galt- Klappt das nämlich nicht, sieht man sich in unlandbarem Gelände von immer schneller höher werdenden Bergen umzingelt.

Da ich das eigentlichen nicht brauche, habe ich meine Schwelle hoch angesetzt- so hoch, dass ich einzig über die vorgelagerten Kreten, die in einem Bogen nach Nordwesten laufen, in die höhere Topographie vorgestossen bin und mir so die nähere Geographie erflogen habe. Mit etwas mehr Erfahrung kann man hier einiges Abkürzen.

Was in Vinon die Seebrise, ist in Val Brembo das Talwindsystem. Es bestimmt in grossem Masse den Tagesverlauf. Am Morgen beginnt Luft aus der Po Ebene ins Hochgebirge zu strömen. Genau in der Pistenachse liegt der Hausberg, der in einem 5 min. Schlepp erreicht wird und gut angeströmt ist. Der folgenden Kartenauschnitt zeigt einige typische Flüge der vergangenen Saison. Die meisten führen ins Veltlin, vom Simplon bis Meran. An Tagen mit tiefer Basis wurde am südlichen Rand des Reliefs geflogen, Flüge von Verbania am Lago Maggiore bis zum Gardasee.

Ein unvergessliches Highlight war sicher ein Flug als PAX in der IQ von Dani Thut. Als alter Val Brembo Routinier und langjähriger Organisator hat er mit seiner ASH 25 IQ eine immense Erfahrung angesammelt. Der eindrückliche Flug, fast alles im Teamflug mit Ruedi Schild in seinem Nimbus, führt uns über Sondrio, den Tonalepass über Meran und bis vor Cortina d‘Ampezzo. Auf dem Rückweg über San Vittore nach Ambri, dann in einem langen Endanflug über Como zurück nach Val Brembo. Für mich bereits geographisch eine Herausforderung und sehr interessant.

Wenn ich auch in dieser ersten Saison noch vieles nicht selbst ausprobieren konnte, bin ich mir doch sicher, dass Val Brembo ein Gebiet mit hohem Potential ist, das sich kennen zu lernen lohnt. Es herrschte eine gelöste und aufs Fliegen ausgerichtete Stimmung in der Wagenburg am Campingplatz. Jeweils um 10 Uhr gesellten sich die Kollegen aus den Hotels zu uns, um bei einem Kaffe noch etwas zu diskutieren, bevor die Flugzeuge bereitgestellt werden. Der Andrang war, trotz guter Meteo und Ferienzeit, nie zu gross, es gibt keine nervende Mittagspause und in einer halben Stund waren die meisten in der Luft. Dabei sind die Abläufe sehr professionell und auch transparent.

Fazit: Ich komme wieder, schon aufgrund des günstigen Lagertermins in der Woche vor Ostern- und um Streckenflüge auf der Alpen Südseite, Italianità und etwas Sonne tanken zu kombinieren.

Philipp Haueter